Beim Übergang von den Straßen Roms in die Vatikanstadt entsteht oft kurz die Sorge, ob man jetzt seinen Reisepass zeigen muss oder ob das Mobilfunkroaming gleich teurer wird. Tatsächlich verlangt der Schritt in den kleinsten souveränen Staat der Welt keinerlei Grenzkontrolle, und doch funktioniert dieses winzige, ummauerte Gebilde nach völlig anderen Gesetzen und Verwaltungsstrukturen als das umliegende Italien.
- Status: kleinster souveräner Staat der Welt
- Grenze: offen für Fußgänger, kein Reisepass, kein Visum nötig
- Währung: Euro, mit eigenen vatikanischen Sondermünzen
- Amtssprachen: Italienisch und Latein
- Regierungsform: absolute theokratische Monarchie
Warum ist die Vatikanstadt überhaupt ein eigener Staat?
Die Existenz dieses Mini-Staates inmitten einer großen europäischen Hauptstadt geht auf einen historischen Kompromiss zurück. Vor der italienischen Einigung herrschten die Päpste über ausgedehnte Gebiete, den sogenannten Kirchenstaat. Mit dem Verlust dieser Ländereien begann ein jahrzehntelanger politischer Stillstand zwischen italienischer Regierung und katholischer Kirche, in der Geschichtsschreibung bekannt als Römische Frage.
Wer den Mini-Staat an einem einzigen Tag erleben will, beginnt sinnvoll bei den Museen. Die Lösung kam am 11. Februar 1929 mit der Unterzeichnung der Lateranverträge im Lateranpalast. Verhandelt hatten die faschistische italienische Regierung unter Mussolini und Papst Pius XI., Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri unterschrieb für den Heiligen Stuhl. Der Vertrag sicherte dem Papst die volle staatliche Souveränität über ein kleines Areal jenseits des Tibers zu.
Der Zweck war rein funktional. Ein eigenes Territorium garantiert dem Papst, dass er die Weltkirche unabhängig von jeder politischen Macht und nationalen Gesetzgebung leiten kann. Italien zahlte zudem finanzielle Entschädigung für die enteigneten Gebiete. 1984 wurden die Verträge deutlich überarbeitet, der staatsrechtliche Status der Vatikanstadt blieb unverändert.

Vatikanstadt und Heiliger Stuhl: was ist der Unterschied?
Beide Begriffe werden im Alltag häufig synonym verwendet, sie bezeichnen aber zwei völlig verschiedene Dinge im Völkerrecht.
Vatikanstadt meint das physische, geografische Gebiet hinter den hohen Mauern. Mit nur 44 Hektar ist es ungefähr so groß wie ein größerer Stadtpark und dient als sichere territoriale Basis.
Der Heilige Stuhl ist die universelle Regierung der katholischen Kirche. Er schließt internationale Verträge ab, unterhält diplomatische Beziehungen zu über 180 Staaten und betreibt das weltweite Netz vatikanischer Botschaften, der Apostolischen Nuntiaturen.
Man kann sich das Gebiet als schützende Hülle vorstellen, in der der Heilige Stuhl als diplomatischer und spiritueller Motor arbeitet.

Wenn von einer Botschaft Italiens oder Deutschlands beim Vatikan die Rede ist, ist immer der Heilige Stuhl gemeint, nicht das Territorium.
Wie funktioniert der kleinste Staat der Welt im Alltag?
Trotz seiner mikroskopischen Größe verfügt dieser Stadtstaat über alle Strukturen einer unabhängigen Nation, eigenes Rechtssystem, eigene Gerichte, eigenes Telekommunikationsnetz inklusive.
Grenzkontrolle: braucht man einen Reisepass?
Der Schritt auf den Petersplatz wirkt völlig nahtlos. Es gibt keine Beamten, die Pässe stempeln, und keine Visaschlange für Touristen. Sie durchlaufen lediglich Metalldetektoren, ähnlich wie an einem Flughafenterminal.
Einen Passstempel bekommen Sie hier nicht. Die Vatikanstadt nimmt an keinem Souvenir-Stempel-Programm teil, ein Zollposten existiert nicht. Das Einzige, was Sie als Erinnerung an den Grenzübertritt mitnehmen können, ist ein Poststempel auf einer Karte, die Sie im vatikanischen Postamt aufgeben.
Der Staat stellt eigene Reisepässe aus. Diese Dokumente sind außerordentlich mächtig, sie gewähren visafreie Einreise in über 100 Länder. Ausgegeben werden sie allerdings ausschließlich an Diplomaten, hohe Kleriker und Mitarbeitende, die im Auftrag des Heiligen Stuhls im Ausland tätig sind.
Währung und das berühmte Postamt
Währungstausch erübrigt sich, sobald Sie italienischen Boden verlassen. Auch die Vatikanstadt nutzt den Euro, ein Sonderabkommen mit der Europäischen Union erlaubt das. Die vatikanische Bank prägt eigene Euromünzen mit päpstlichen Motiven, die sich gut mit einem Besuch der Vatikanischen Gärten als Souvenir verbinden lassen. Diese Stücke sind bei Sammlern äußerst gefragt und tauchen nur selten im normalen Zahlungsverkehr außerhalb der Mauern auf.
Eine Postkarte hier aufzugeben ist ein echtes kleines Ritual. Der Vatikan unterhält eine eigene Post mit eigener Postleitzahl und exklusiven Briefmarken. Das interne System gilt als deutlich schneller und zuverlässiger als die italienische Post jenseits der Mauern. Werfen Sie Ihre Sendungen in einen der leuchtend gelben Briefkästen unter der Kolonnade rechts vom Petersplatz. Das Postamt ist Montag bis Samstag von 08:30 bis 18:30 geöffnet und steht allen Besuchern offen, nicht nur Katholiken.
Ein praktischer Hinweis, der gerne untergeht: Vatikanische Briefmarken gelten ausschließlich für Sendungen, die innerhalb der Vatikanstadt aufgegeben werden.

Vatikanische Marken lassen sich nicht in italienische Briefkästen werfen, italienische umgekehrt nicht in vatikanische.
Die Schweizergarde: das Personal des Papstes
Für die Sicherheit sind zwei eigene Einheiten zuständig. Die Gendarmerie übernimmt klassische Polizeiaufgaben und den Verkehrsdienst. Sichtbarer sind die Männer der Päpstlichen Schweizergarde, die auch die Tickets zur Papstaudienz am Bronzetor ausgeben.
In ihren auffälligen Renaissance-Uniformen in Blau, Rot und Gelb wirken sie auf viele zunächst rein zeremoniell. Die Hellebarden täuschen, jeder Garde ist ein modern ausgebildeter Berufssoldat. Er ist direkt für den Schutz des Papstes und des Apostolischen Palastes verantwortlich. Jeder Rekrut muss katholischer Schweizer Staatsbürger sein, männlich, zwischen 19 und 30 Jahre alt, mindestens 174 cm groß und die Schweizer Rekrutenschule abgeschlossen haben.

Staatsbürgerschaft: wer wohnt eigentlich dort?
Die vatikanische Staatsbürgerschaft ist ausschließlich funktional und befristet. Sie können hier nicht eingebürgert werden, und Sie können sich nicht einkaufen. Pässe vergibt die Verwaltung nur an Personen, die eine aktive Funktion im Heiligen Stuhl ausüben.
Endet die Dienstzeit, erlischt auch die Staatsbürgerschaft, und Sie kehren zu Ihrer ursprünglichen Nationalität zurück. Die dauerhafte Wohnbevölkerung liegt unter 500 Personen, überwiegend Kardinäle, Diplomaten und Sicherheitspersonal, die tatsächlich innerhalb der Mauern leben. Damit bleibt das Gebiet konsequent eine Arbeitsstruktur des Papstes, keine Wohnsiedlung. Wer von der römischen Innenstadt anreist, findet die schnellste Verbindung in der Anleitung zur Anfahrt. Auch deshalb fühlt sich der Mini-Staat bei einem Besuch eher wie ein hoch frequentierter Verwaltungssitz an als wie eine Stadt mit gewachsener Nachbarschaft, was vielen Besuchern vor dem Besuch nicht klar ist.



